Ausgabe 4-2022 : Oktober

Abenteuerliche Gesundheitsversorgung

Auch dort, wo es keine Straßen gibt, brauchen die Menschen medizinische Hilfe. Wir begleiten eine Krankenschwester auf ihrem Weg durch den bolivianischen Amazonas-Regenwald.

Wenn Dayana Ohara wieder mehrere Wochen durch den bolivianischen Amazonas-Regenwald reist, vermisst sie vor allem ihre Töchter. Die beiden – 5 und 10 Jahre alt – kommen dann zur Großmutter. Seit einem Jahr gehört Dayana zum Team des Gesundheitsprogramms des Apostolischen Vikariats von Pando, das vom Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat unterstützt wird. Mit ihren Kolleginnen und Kollegen versorgt die Krankenschwester Menschen in besonders abgelegenen Amazonas-Gemeinden. Dazu legt sie abenteuerliche Wege zurück.

Wir sind in der bäuerlichen Gemeinde Barranco Colorado. Das Krankenhausschiff »Esperanza«, zu Deutsch »Hoffnung«, füllt sich gegen 10 Uhr mit Patienten. Die meisten sind Frauen mit Kindern oder ältere Dorfbewohner. Der Bedarf nach medizinischer Versorgung am Fluss Río Mamoré ist groß, denn hier gibt es keine Krankenhäuser, Arztpraxen oder Gesundheitsstationen. In der Coronapandemie verstarben viele Menschen mit schweren Verläufen.

»Bei einer Fahrt mit dem Boot retteten wir einen kleinen Jungen mit gebrochenem Bein.« 
Dayana Ohara

Ein Lächeln für die Patienten

Dayana untersucht auf der Krankenstation die ersten Patienten: messen, wiegen, Blutdruck, Temperatur. Sie beschreiben ihre Symptome und werden fürsorglich durchgecheckt. Dayanas Arbeitstage im heißen und feuchten Amazonas-Klima sind lang. Zeit zum Essen bleibt nur selten. Am Vortag hat sie vom frühen Morgen bis spät in die Nacht 80 Patienten behandelt und mit kostenlosen Medikamenten versorgen können. Viele von ihnen mit Grippe-Symptomen, einige mit Malaria, sowie Kinder mit Magen-Darm-Erkrankungen. Entlang des Mamoré-Flusses sollen insgesamt zehn Gemeinden besucht werden. Und trotz der anstrengenden Umstände hat die 27-jährige Krankenschwester, die selbst aus der Region stammt, immer ein Lächeln für die Patienten übrig. Für die Menschen, die gezeichnet sind von harter Arbeit. Nur wenige können lesen und schreiben.

Der Río Mamoré ist einer der längsten Flüsse im bolivianischen Amazonasgebiet. Große Teile des Flusses verlaufen entlang der Grenze zu Brasilien. Die meisten Gemeinden sind nicht an die Straßen angebunden, die in die größeren Städte führen. Der Fluss ist für die Menschen die einzige Verbindung zur Außenwelt. Manche brauchen so 15 Tage, um von den Städten mit dem Boot zu ihren Gemeinden zu gelangen. Während der Regenzeit von Dezember bis März ist die Überfahrt besonders gefährlich. Kranke angemessen zu behandeln oder gar zu transportieren – nahezu ein Ding der Unmöglichkeit. Dayana erinnert sich: »Bei einer Fahrt mit dem Boot retteten wir einen kleinen Jungen mit gebrochenem Bein. Er hatte die Verletzung schon seit über einer Woche. Wir halfen ihm auf einen Truck und fuhren sechs Stunden lang bis zur Hauptstraße, um ihn von dort aus zu einem Gesundheitszentrum bringen zu können.«

Für Dayana und das Team des Gesundheitsprogramms geht es nun weiter zum Fluss Río Yata. Zunächst zu Fuß und mit dem Motorrad, dann eine Stunde mit dem Pick-up und fünf weitere mit dem Gleitboot. Gegen die Strömung, schwer beladen mit Ausrüstung und Medikamenten. Inmitten der starken Regenfälle grübelt Dayana: Die extremen Niederschläge führen zu einer noch heftigeren Verbreitung von Krankheiten wie Malaria und Dengue. 99 Prozent der landesweiten Malaria-Infektionen geschehen ohnehin hier im bolivianischen Amazonasgebiet.

Auf den Flüssen Yata und Benicito besucht das Team sieben indigene Gemeinschaften vom Volk der Chacobo. Die Kommunikation ist nicht immer leicht, denn die Indigenen leben noch isolierter
als die bäuerlichen Gemeinden. Oftmals sprechen sie nicht einmal Spanisch. Dayana legt in Las Petas an. In der Siedlung leben ungefähr 20 Familien, die zumeist noch mit Pfeil und Bogen jagen und fischen. Sofort packen die Anwohner mit an und stellen einen Tisch auf, damit zügig mit den Untersuchungen begonnen werden kann. Dayana startet mit den Voruntersuchungen und füllt Patientenformulare aus.

Weitergabe von wertvollem Wissen

Inzwischen ist die Krankenschwester bekannt in den indigenen Gemeinschaften, ihr Verhältnis zu den Anwohnern ist freundschaftlich. Stets will sie immer noch ein wenig mehr tun: So vermittelt sie den Menschen in Kursen auch wertvolles Wissen über gesunde Ernährung und lernt zugleich viel Neues über die Lebensweise der Indigenen und über traditionelle Heilmittel. »Ihr Leben ist schon ganz anders als unseres«, erklärt Dayana. Häufig hilft das Gesundheitsprogramm auf den Reisen jungen Müttern mit ihren Neugeborenen. Denn, wie Dayana berichtet, werden viele Mädchen schon im Jugendalter schwanger und ihre Kinder leiden unter Unterernährung.

 

 

Das Team des Apostolischen Vikariats von Pando hält in langen Arbeitstagen die Gesundheitsversorgung aufrecht.

Diese schwierige Situation im Apostolischen Vikariat von Pando hat das Team der Gesundheitspastoral und Bischof Eugenio Coter auf den Plan gerufen. Korruption und fehlende Gesundheitsversorgung durch den Staat machen es den weit abgelegenen Gemeinden unmöglich, Zugang zu den grundlegendsten Diensten der Gesundheitsversorgung zu haben. Dayana kann höchstens zweimal im Jahr in die jeweiligen Gemeinden kommen. Aus diesem Grund bestimmen nun regelmäßig diese Gemeinden zwei oder drei Frauen und Männer aus jeder Gemeinde, die zu Gesundheitshelferinnen und -helfern ausgebildet werden. Sie können eine Krankenschwester nicht ersetzen – und schon gar nicht einen Arzt; aber sie können wichtige Kenntnisse erwerben und bei Bedarf notdürftige Hilfe leisten. Sie können auch ihr Wissen bezüglich der Heilkräfte der Natur gut mit dem der westlichen Medizin verbinden – mit unter Umständen erstaunlichen Ergebnissen. Die Gesundheitspastoral ist davon überzeugt, dass Gesundheit zu einem menschenwürdigen Leben dazugehört. In diesem Bewusstsein arbeitet Dayana mit der Unterstützung des Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat. 

Adveniat-Weihnachtsaktion 2022

 
Gesundsein Fördern
Lateinamerika befindet sich in einer dramatischen humanitären Krise. Das Lateinamerika-Hilfs­werk Adveniat stellt das Thema Gesundheit in den Mittelpunkt der Weihnachtsaktion 2022 der Katholischen Kirche in Deutschland, um mit seinen Partnerinnen und Partnern vor Ort die Spirale von mangelnder Gesundheitsversorgung, Hunger und Armut zu durchbrechen. Gesundheitshelferinnen und -helfer werden von der Kirche ausgebildet, Gemeindeteams besuchen Kranke und Familien, kirchliche Krankenhäuser und Gesundheitsposten sind die Hoffnung der Armen. Unter dem Motto »Gesundsein Fördern« ruft die diesjährige bundesweite Weihnachtsaktion der Katholischen Kirche die Menschen in Deutschland zur Solidarität auf, damit Gesundheit für die Armen in Lateinamerika nicht länger ein unerreichbares Gut bleibt. Schwerpunktländer sind Guatemala und Bolivien. #

Die Eröffnung der bundesweiten Adveniat-Weih­nachtsaktion findet am 1. Advent, dem 27. November 2022, im Bistum Trier statt. Die Weihnachts­kollekte am 24. und 25. Dezember in allen katholischen
Kirchen Deutschlands ist für Adveniat und die Hilfe für die Menschen in Lateinamerika und der Karibik bestimmt.

Text: Patricio Crooker/Titus Lambertz, Fotos: Patricio Crooker

Projekt im Fokus

Ökologischen Stadtgärten stärken die Gesundheit

Bolivien hat in den letzten Jahren ein rasantes Bevölkerungswachstum erlebt, wobei sich der Großteil der Bevölkerung in den Städten konzentriert, vor allem in den »Randgebieten der Zersiedelung«.