Ausgabe 3-2021 : Juli

„Wo der Geist des Herrn wirkt, da ist Freiheit“

Ein Bischof kann nicht von der Leitung seiner Diözese zurücktreten, sondern den Papst nur um seinen Amtsverzicht bitten! Eben solch ein Rücktrittsangebot von Reinhard Kardinal Marx, Erzbischof von München und Freising, hat Papst Franziskus im Juni abgelehnt. Dazu drei Anmerkungen, die sich aus diesen überraschenden Vorgängen ergeben.

In brüderlicher Zuneigung: Papst Franziskus und Kardinal Marx bei einem Treffen am 3. Februar 2020.

Erstens: Unsere Kirche braucht die Kraft für Erneuerung. „Im Kern geht es für mich darum, Mitverantwortung zu tragen für die Katastrophe des sexuellen Missbrauchs durch Amtsträger der Kirche in den vergangenen Jahrzehnten“, so der Kardinal in seinem Brief an den Papst. Mit dem Verzicht könne vielleicht ein persönliches Zeichen gesetzt werden für einen neuen Aufbruch und für seine Mitverantwortung an dem institutionellen und systemischen Versagen.

Wahr ist: Es gibt nicht nur Missbrauch, sondern auch eine Geschichte des Versagens der Aufarbeitung. Es sind zu viele Amtsträger, bei denen die Kirche weggeschaut hat und deren Akten „hinter den Schrank gefallen“ sind. Durch diesen Schleier des Nicht-Wissen-Wollens sind auch viele untadelige Seelsorger und hochengagierte Jugenderzieher unter Generalverdacht geraten. Erst in jüngerer Zeit hat die Kirche begonnen, diese Schleier wegzureißen. Durch die Ablehnung des Rücktritts sendet Papst Franziskus einen deutlichen Weckruf für Erneuerung.

Eine deutliche Bestätigung

Zweitens: Unsere Kirche braucht die Kraft für Reformen. Papst Franziskus hat damit auch den Synodalen Weg – den Kardinal Marx 2019 maßgeblich mit eingeleitet hat – gestärkt und ihn „mit brüderlicher Zuneigung“ verpflichtet weiterzumachen  – „so wie Du es vorschlägst, aber als Erzbischof von München und Freising“. Eine deutliche Bestätigung für die Position des Kardinals und dafür, dass die Kirche seine Stimme auch für notwendige Reformen braucht.

Bewusst wählt Marx in seinem Brief an den jesuitischen Papst die Formulierung des Jesuiten-Paters Delp und verortet die Kirche an einem „toten Punkt“. Doch aus dem österlichen Denken ergibt sich, dass es eben keine toten Punkte gibt, die nicht auch zu Wendepunkten werden können. Der Synodale Weg vermag solches zu schaffen, auch wenn synodale Vorgänge vor allem eines brauchen: Zeit und Geduld.

„Ich denke, es brauchte den Donnerschlag dieses Rücktrittsangebotes. Denn Reformen und Erneuerung stehen nicht im Widerspruch zu einem weltkirchlichen Konsens, sondern gestalten ihn mit!"
Ulrich Vollmer

Drittens: Unsere Kirche braucht den Synodalen Weg. Dass der Papst den Kardinal in seinem Amt belässt, verstehe ich als Vertrauensvotum und Bestätigung für den Synodalen Weg in Deutschland, für notwendige  Klärungen und Reformen. Er weist damit ebenso all die kritischen Stimmen zurück, die immer wieder behaupten, die deutsche Kirche steuere auf ein „Schisma“ zu. Die Verschiebung der Bischofssynode zum Thema „Für eine synodale Kirche – Gemeinschaft, Teilhabe und Mission“ in das Jahr 2023 und die dezentrale und lokale Vorbereitung auf Diözesan- und später auf Kontinentalebene, macht dieses deutlich.

Synodalität in unserer Weltkirche ist eines der Hauptanliegen seines Pontifikats. Der Kardinal – der im Laufe seines bischöflichen Wirkens viel dazu gelernt hat – steht für den Synodalen Weg, an dem gerade auch Laien, vor allem auch Frauen ihren Anteil haben sollen. Ich denke, es brauchte den Donnerschlag dieses Rücktrittsangebotes. Denn Reformen und Erneuerung stehen nicht im Widerspruch zu einem weltkirchlichen Konsens, sondern gestalten ihn mit!

Mut und Gottvertrauen

Der Wahlspruch des Kardinals lautet: „Wo der Geist des Herrn wirkt, da ist Freiheit“ aus dem 2. Korintherbrief. Ja, Kardinal Marx – er ist auch Mitglied unseres Verbandes – verdient Hochachtung. Doch ein nun „befreiter“ Marx hat ebenso einen deutlichen Auftrag und eine klare Verantwortung von Papst Franziskus erhalten.

Dafür braucht es weiterhin Mut und Gottvertrauen – und die Überzeugung, an einem Wendepunkt zu stehen und nicht an einem „toten Punkt“.


Foto: KNA

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