Ausgabe 4-2022 : Oktober

Unser Halt – trotz aller Sünden

Stephanus-Saulus-Brunnen von Sieger Köder in Wasseralfingen.

Die aktuellen Vorgänge in der Kirche und in der Welt wirbeln uns durcheinander, dem einen und der anderen ziehen sie den Boden unter den Füßen weg, von dem sie dachten, er würde sie tragen.

Menschen, die sich (noch) für Fortschritte in der Kirche interessieren und einsetzen, beschäftigen sich mit den Fragen des Synodalen Weges und erleben manche Enttäuschung. Was gibt Halt, wenn der Blick auf das Unvermögen und die Schuld von Amtsträgern den Blick auf das Evangelium schwer macht?

Vielleicht ist es in der Tat die Erkenntnis, die der Apostel Paulus schon in seinem Brief an die Gemeinde in Rom formuliert: »Alle haben ja gesündigt und die Herrlichkeit Gottes verloren.« (Röm 3,23).

Bundespräses Hans-Joachim Wahl Kolpingwerk Deutschland

Gnade ohne Vorleistung

Es lohnt sich, weiterzulesen: »Umsonst werden sie gerecht, dank seiner Gnade, durch die Erlösung in Christus Jesus.« (Röm 3,24). Umsonst heißt hier nicht vergeblich, sondern ohne eigene Vorleistung, ohne ein Verdienst, das vorgezeigt oder nachgewiesen werden müsste, macht Gott die gerecht, die glauben und sich seiner Gnade anvertrauen.

Das klingt wie formelhafter Theologen-Sprech: fromm und richtig, aber weit vom konkreten Leben entfernt. In der Tat: So hört es sich an. Es lohnt sich aber, genauer hinzuschauen und darüber nachzudenken: Kern des christlichen Glaubens ist es, dass der unfassbare Gott sich in Jesus von Nazareth zu erkennen gegeben hat: in unserer schwachen, unvollkommenen und sündhaften Menschengestalt. Wenn von Gnade die Rede ist, meint Paulus und mit ihm die christliche Theologie die Zuwendung, die Gott den Menschen schenkt. Lateinisch heißt Gnade »gratia«. Und diese Gnade ist umsonst, nämlich »gratis« – das Geschenk der Liebe Gottes. Gott gießt seine Zuwendung aus. Buchstäblich wie mit einer Gießkanne. Das dürfen wir so glauben, wenn die Kirche im »Engel des Herrn« betet: »Allmächtiger Gott, gieße deine Gnade in unsere Herzen ein…« Und wenn ich dieses Geschenk annehme, wird es mich verwandeln. Dann wird der Glaube in Werken der Liebe tätig. Auch Adolph Kolping wird nicht müde, dies immer wieder zu betonen.

Die Zuwendung Gottes gilt immer

Hier liegt also der Schlüssel: in der Offenheit für diese Zuwendung Gottes. Sie kann mir in allen Schwankungen und bei allen neuen Tendenzen Halt schenken, denn sie gilt ohne alle Bedingungen oder Eingrenzungen für alle Menschen und für die ganze Schöpfung. Sie gilt ein für alle Mal, aber in der »Schwebe des Lebendigen« (Max Frisch) und immer wieder neu. Man kann sie nicht wie einen wertvollen Besitz in den Tresor einschließen, ihr wird immer wieder auch Gewalt angetan. Aber da, wo sie gepflegt wird, wirkt sie Wunder und bringt die Liebe Gottes in die Welt und unter die Menschen.

 

bundespraeses(at)kolping.de