Ausgabe 4-2022 : Oktober

Leitbild: »In der Gegenwart muss unser Wirken die Zukunft im Auge behalten«

Wenn in Kürze die Bundesversammlung zusammentritt, werden die Delegierten auch über den Entwurf des neuen Leitbildes für das Kolpingwerk abstimmen. In einer sich rasant wandelnden Zeit sollen die Grundlagen des Verbandes aktualisiert werden. Doch wie viel Veränderung braucht, wie viel verträgt der Verband? Darüber sprach das Kolpingmagazin mit Klaudia Rudersdorf, stellvertretende Bundesvorsitzende des Kolpingwerkes Deutschland und Teil des Leitungsteams der Kommission Leitbildentwicklung, sowie mit Martin Rose, der noch zu den »Vätern« des Leitbildes von 2000 gehört. Heute ist er Mitglied des Bundesvorstandes und Vorsitzender der Antragskommission.

 

Kolpingmagazin: Unsere Welt gerät von einer Krise in die nächste, es ist viel von Zeitenwende die Rede. Hat es heute überhaupt noch Sinn, sich zu engagieren?

 

Klaudia: Engagement lohnt sich, ganz besonders im Kolpingwerk. Wir schauen auf die Brennpunkte der Gesellschaft, und da geben unsere Kolpingsfamilien genau wie unsere Einrichtungen passende Antworten. Das Leitbild in seiner Erweiterung will definieren, welche Schwerpunkte wir da sehen.

 

Martin: Die aktuelle Entwicklung ruft ja bei vielen Menschen Verunsicherung hervor. Doch im Verband gehen wir nicht alleine durchs Leben, sondern gemeinsam mit anderen. Wir müssen die Dinge nicht über uns ergehen lassen, sondern können selbst aktiv werden. Wir wollen nicht Behandelte sein, sondern Handelnde. Dafür steht Kolping, und dafür wollen wir mit dem Leitbild Orientierung geben.

 

Kolping hat 215.000 Mitglieder – eine große Vielfalt von Generationen, Geschlechtern, Nationalitäten, Berufsgruppen. Was macht Kolping heute aus?

 

Martin: Für mich ist das die christliche Botschaft vom Menschen als Ebenbild Gottes. In jeder Person, egal wo sie herkommt oder wie sie aussieht, verbirgt sich Gottes Antlitz. Eigentlich müssten wir als Verband die Fahnenträger der Diversität sein. Was uns leider nicht immer gelingt.

 

Klaudia: Kolping ist ein Spiegel der Gesellschaft. Wir sind in den letzten zwanzig Jahren noch diverser geworden, aber wir gehen alle von denselben Grundlagen aus. Darum herrschen in unserem Verband eine hohe Kompromissfähigkeit und eine Diskussionskultur, die ich in der Gesellschaft an manchen Stellen vermisse.

 

Also Kolping als Brückenbauer zwischen den Filter­blasen und Echokammern einer auseinanderdriftenden Gesellschaft?

 

Martin: Nicht nur Brückenbauer, sondern geradezu ein Modell. Und da ist die Diskussion um das Leitbild für mich ein gutes Beispiel. Wir haben innerhalb unseres Verbandes sehr unterschiedliche Positionen, die teilweise weit voneinander entfernt sind. Aber wir sind im Prozess der Leitbildentwicklung gut miteinander umgegangen. Ich bin überzeugt, dass wir auf der Bundesversammlung zu einem guten Ergebnis kommen. Unsere Debatten polarisieren nicht, sondern wir reden offen und ehrlich miteinander und versuchen uns zu einigen. Manchmal ist ja sogar die Nicht-Einigung ein Ergebnis, mit dem man weiterarbeiten kann.

 

Besteht denn dabei nicht die Gefahr, dass wir klare tradierte Positionen aufgeben? Dass wir uns zum Beispiel von der Lehre der katholischen Kirche entfernen?

 

Klaudia: Nein, das tun wir gerade nicht. Nach wie vor berufen wir uns auf die frohmachende Botschaft des Evangeliums und auf die Person Adolph Kolpings. Das waren schon immer unsere Grundlagen, und in allen Diskussionen hat sich gezeigt, dass sie unverbrüchlich da sind.

»Kolping ist ein Spiegel der Gesellschaft. Wir sind in den letzten zwanzig Jahren noch diverser geworden.«
Klaudia Rudersdorf
»Ich erlebe es so, dass Kolping besonders auch bei solch polarisierenden Themen in der Gesellschaftft eine Mittttlerrolle einnehmen kann.«
Martitin Rose

Aber bei der Diskussion um die Paragraphen 218 und 219a zeigt sich, dass das nicht mehr alles selbstverständlich ist ...

 

Klaudia: Wir müssen sicher heute mehr erklären als früher, weil vor allem junge Menschen nicht mehr so selbstverständlich in diese Dinge hineinwachsen. Ich bin aber sicher, dass über die Grundsätze Einigkeit herrscht. Wenn etwa die Kolpingjugend jetzt zum Umgang mit Schwangerschaftskonflikten teilweise andere Positionen einnimmt, als das Kolpingwerk, dann sind wir uns trotzdem alle einig, dass wir jedes Leben schützen wollen. Das wird inhaltlich nicht infrage gestellt.

 

Martin: Ich erlebe es so, dass Kolping besonders auch bei solch polarisierenden Themen in der Gesellschaft eine Mittlerrolle einnehmen kann. Ich finde das sehr wichtig, und das sollten wir uns ruhig noch mehr bewusst machen.

 

Dennoch gibt es in der Kirche – bei den Bischöfen wie auch bei unseren Mitgliedern – manche, die keine Veränderungen wollen.

 

Klaudia: Ja, aber auch unter den Bischöfen gibt es viel mehr, die nach vorne schauen, als die sich verweigern. Und wenn uns im Kolping-Bundesvorstand Briefe von einzelnen Mitgliedern erreichen, die nicht in der Sache Kritik an unserem Kurs üben, sondern sich schlicht menschenfeindlich gegenüber Minderheiten und Frauen äußern und dann ihren Austritt ankündigen, dann müssen wir diese Mitglieder eben ziehen lassen. Wir können unter unserem Dach nicht alle vereinen.

 

Martin: Man muss aber auch sagen, dass viele Menschen ihren Lebensentwurf auf dem klassischen Familienbild der Kirche aufgebaut haben. Die verunsichert es, wenn wir das jetzt scheinbar infrage stellen. Das müssen wir zur Kenntnis nehmen und uns überlegen, wie wir die Leute auf dem Weg mitnehmen können. Ehrlich gesagt sind wir ja selbst noch auf dem Weg, wie man im Leitbild sieht – da gehen wir nicht detaillierter auf das Thema Ehe ein, weil das vermutlich schwierig geworden wäre. Ich möchte um diejenigen ringen, die uns jetzt signalisieren, dass ihnen die Öffnung und Veränderung im Verband zu schnell gehen.

 

Klaudia: Richtig. Aber da, wo Menschen pauschal beleidigt und ausgegrenzt werden, ist ein Kompromiss nicht mehr möglich. Das kommt leider vor, aber glücklicherweise nur sehr vereinzelt.

»Ich bin überzeugt, dass wir auf der Bundesversammlung zu einem guten Ergebnis kommen.«
Martin Rose

Wie erlebt Ihr beiden denn die Diskussion in den Kolpingsfamilien und in den Einrichtungen vor Ort? Gibt es Menschen, die mit dem Leitbildentwurf Probleme haben? Oder gibt es im Gegenteil auch Mitglieder, die sich jetzt durch das neue Leitbild erstmals gesehen und anerkannt fühlen?

 

Martin: Ich habe bei einem Gespräch in einer Kolpingsfamilie eine Dame erlebt, die sehr damit zu kämpfen hatte, dass ihre Tochter in einer gleichgeschlechtlichen Beziehung lebt. Die Dame hat wirklich sehr damit gerungen, auch im Gebet, weil die Beziehung zu ihrer Tochter nicht zu ihrem Familienbild passte. Sie hat sich immer einen Schwiegersohn gewünscht ... Es war ein gutes Gespräch in dieser Kolpingsfamilie, die Dame hat viel Zuspruch erfahren. Später hat sie sich dafür bedankt, dass sie zum ersten Mal im kirchlichen Raum einen Ort gefunden hat, wo sie einfach mal über ihre Sorgen offen sprechen konnte.

 

Klaudia: Ich erlebe Ähnliches in meiner eigenen Kolpingsfamilie, wo eine über 80-jährige Frau von ihrem Mann getrennt lebt und eine neue Beziehung eingegangen ist. Bei Kolping hat sie eine kirchliche Heimat gefunden, wo sie sich akzeptiert fühlt. Das betrifft nicht nur unsere Mitglieder, sondern auch die vielen Mitarbeitenden in unseren Einrichtungen, wo wir die Rückmeldung bekommen haben, dass viele sich durch den Entwurf des neuen Leitbildes sehr angesprochen fühlen und sich gut damit identifizieren können.

 

Martin: Wir können da von unserem Gründer Adolph Kolping lernen, der – dem Vorbild Jesu folgend – an den Menschen gehandelt hat, weil er ihre konkrete Not gesehen hat, ohne erst lange theoretisch darüber zu diskutieren. Und wie das in der heutigen Welt gehen kann, darauf gibt unser Leitbild grundlegende Antworten. Nicht um der Programmatik willen, sondern weil es am Ende immer um das Handeln geht.

 

Das aktuelle Leitbild gilt seit rund zwanzig Jahren. Was ist Eure Prognose, wie lange das neue Leitbild Bestand haben wird?

 

Klaudia: Sicher keine zwanzig Jahre mehr. Dafür ist unsere Welt einfach zu schnelllebig geworden.

 

Martin: Die nötige Weiterentwicklung ist im jetzigen Leitbildentwurf eigentlich schon angelegt – zum einen in den neuen Themenfeldern, wo in den kommenden Jahren einiges geschehen wird, zum anderen in dem Veränderungsprozess unserer Kirche, der hoffentlich auch weitergeht.

 

Liebe Klaudia, lieber Martin, vielen Dank für das Gespräch. 

Das Interview führten Christian Linker und Christoph Nösser

»In unserem Verband herrscht eine Diskussionskultur, die ich in der Gesellschaft an manchen Stellen vermisse.«
Klaudia Rudersdorf