Ausgabe 4-2022 : Oktober

Top-Thema Ausbildungsberufe: Hier wird angepackt!

Schreiner:in, Orthopädietechnik-Mechaniker:in oder Bestattungsfachkraft: Das sind nur drei von rund 130 Handwerksausbildungen, die junge Leute absolvieren können. Phoebe, Fabian und Ariana sind diese Wege gegangen.

Wer einen Handwerker beauftragt, muss aktuell im Durchschnitt knapp neun Wochen warten. Kein Wunder: Rund 250 000 Mitarbeitende fehlen im Handwerk bundesweit. Es sind heftige Zahlen, die der Zentralverband des Deutschen Handwerks im letzten Jahr veröffentlichte. Dazu immer weniger Interessierte für eine Ausbildung im Handwerk. Dabei gibt sie es. Wer sind die Menschen, die eine Ausbildung im Handwerk machen und was bewegt sie dazu?

Orthopädietechnik- Mechanikerin Pheobe

Vor wenigen Wochen hat sich Phoebe’s Alltag einmal komplett auf den Kopf gestellt. Die 16-Jährige aus der Nähe von Hannover hat eine Ausbildung als Orthopädietechnik-Mechanikerin begonnen. Ein Ausbildungsberuf, den viele erst einmal nicht unbedingt auf dem Schirm haben. Auch Phoebe hat eher durch Zufall davon erfahren – nämlich über die Social-Media-Plattform TikTok. »Ich habe dort letztes Jahr ein Video gesehen, wo jemand bei den Paralympics eine Werkstatt gezeigt hat, in der Orthopädietechnik ein Thema war«, erzählt Phoebe. »Das fand ich super interessant, gerade auch die Kombi aus Handwerk, Medizin und Menschen helfen. Und es hat auch ein Stück weit mit Sport zu tun«, meint sie. Mit Sport hatte Phoebe schon vor der Ausbildung viele Berührungspunkte. Die 16-Jährige betreibt seit vier Jahren Sportschießen auf Leistungssportniveau. Mehrstündiges Training, Wettkämpfe und viel unterwegs sein. Kein Wunder, dass ihr auch die Ortswechsel während ihrer Ausbildung nicht allzu schwerfallen. Firmenalltag unter der Woche im Betrieb bei Hannover, dazu viermal im Jahr Blockunterricht in Hamburg. Während dieser Zeit wohnt Phoebe im Kolping-Jugendwohnen in der Hansestadt. Die ersten zweieinhalb Wochen Blockunterricht hat sie im August bereits hinter sich gebracht. Phoebe hat ein gutes Gefühl, was die nächsten Monate angeht. »In dem ersten Block sind jetzt schon sehr gute Bekanntschaften entstanden, die sich in den nächsten Blöcken sicher auch noch vertiefen werden. Da freue ich mich drauf«, meint die Jugendliche.

Im Vergleich zu ihrer alten Schule stellt sie vor allem einen großen Unterschied fest. »Die Klasse hat mehr Motivation zum Lernen. Man weiß halt, man kann die Inhalte anwenden, das ging mir in der normalen Schule nicht unbedingt so.« Und die Inhalte haben es in sich: »Wir haben jetzt schon viel über Themen wie Hygiene oder Patientengespräche gelernt, in den nächsten Blöcken kommen dann Themen wie Reha-Sonderbau, Bein-Prothetik, Modellieren und so weiter dran.« Routiniert zählt Phoebe die verschiedenen Schwerpunkte der Ausbildung auf. Obwohl sie erst wenige Wochen dabei ist, merkt man ihr die Begeisterung für den Beruf an. In den nächsten Monaten durchläuft Phoebe alle Abteilungen ihrer Firma. »Am meisten freue ich mich jetzt schon darauf, Prothesen anfertigen zu können«, erzählt sie. Bis es soweit ist, dauert es allerdings noch ein bisschen. Gerade erst hat die 16-Jährige ihren allerersten eigenen Lohn aufs Konto bekommen. Durchschnittlich verdienen Azubis im Handwerk rund 882 Euro.  Phoebe liegt da knapp darunter. Ihr Gehalt möchte sie erstmal sparen. »Für den Führerschein oder so«, meint Phoebe. Sie kommt damit aktuell gut klar – auch, weil sie noch bei ihren Eltern wohnen kann. Die waren mit Phoebe’s Berufswahl übrigens sehr glücklich, wie die 16-Jährige erzählt.

»40 Stunden in der Woche zu arbeiten, das war auf jeden Fall eine harte Umstellung. Aber man weiß, wofür man das macht!«
Phoebe
Phoebe freut sich jetzt schon darauf, sich im Rahmen ihrer Ausbildung ausführlich mit Prothesen zu beschäftigen.

»Es wird immer Menschen mit einem Handicap geben, die auf Prothesen angewiesen sind. Das wird erst einmal nicht so schnell ersetzt«, meint Phoebe. Für die Azubi steht die nächsten drei Jahre erst einmal viel Input an. Zwischenprüfung, Gesellenprüfung und jede Menge neue Erfahrungen. Aber Phoebe ist zuversichtlich – trotz aller Anstrengung. 

Schreinerin Ariana

Ariana hat all das schon hinter sich. Die 24-Jährige aus Lohr am Main in Unterfranken ist seit vergangenem Jahr fertige Schreinergesellin und arbeitet Vollzeit in ihrem Lehrbetrieb. Dass ihr Weg sie in eine Ausbildung führen würde, war für sie nicht immer klar. Ariana hat das Abitur in der Tasche. Abi und dann an die Uni – so denken viele mit Hochschulreife und auch Ariana hatte erst den Plan eines dualen Studiums. In den Vorstellungsgesprächen dafür hat sie dann aber immer mehr gemerkt, dass ihre Leidenschaft eigentlich woanders liegt.


»Ich war schon immer gerne mit Papa in der Werkstatt, habe da zum Beispiel einen Hasenstall gebaut und wusste, dass mir das auch Freude macht.« Nach einer kleinen Planänderung war für sie klar: Eine dreijährige Ausbildung zur Schreinerin sollte es sein. Für ihr Umfeld war das eine Überraschung. »Als ich das meinen Eltern sagte, habe ich im ersten Moment schon in geschockte Gesichter geschaut«, gibt Ariana zu. Von anderen hat sie auch gehört, sie verschwende ihr Abitur. Harte Worte – die Ariana aber nicht verunsicherten. »Mir war wichtiger, etwas zu machen, was mir Spaß macht«, betont sie. Auch wenn der Spaß viel Arbeit bedeutet:

Im ersten Jahr ihrer Ausbildung musste Ariana nochmal die Schulbank drücken. »Das Berufsgrundschuljahr – kurz auch BGJ – ist verpflichtend. Da hat man Fächer, wie Deutsch oder Sozialkunde, aber auch ganz viel Fachunterricht«, erzählt Ariana. Die Grundlagen hat sie in dieser Zeit gelernt. »Das macht schon Sinn, das zu wissen, bevor es in den Betrieb geht: Wie gehe ich mit den Werkzeugen um? Wie reagiert Holz?«, meint die Schreinerin. Im Betrieb hat sie sich dann schnell im Alltag zurecht gefunden. »Wir bekommen aus dem Büro fertige Materiallisten und Zeichenlisten und dann geht es damit los: Material zurechtzuschneiden, Bohren, Fräsen, Zusammenbauen. Und dann geht es irgendwann ab zum Kunden«, erzählt Ariana. Was ihr am meisten Spaß mache? »Ich mag es, wenn wir auf Montage sind: Man sieht das Endprodukt und ist nah am Kunden. Das finde ich cool!« Das sie in ihrem Arbeitsumfeld dabei oft die einzige Frau ist, stört Ariana nicht. »Das Klischee, dass man da lauter blöde Sprüche abbekommt, kann ich so nicht unbedingt bestätigen«, meint sie. Es seien eher Kleinigkeiten, die ihr auffallen würden.

Dass es auf Baustelle bei den Toiletten oft keine Möglichkeit zum Händewaschen gebe. Drei Jahre ging Arianas Ausbildung insgesamt. Am Ende davon stand die Gesellenprüfung an. Keine leichte Aufgabe: Die Prüfer fragen Theorie und Praxis ab und es muss ein Gesellenstück gebaut werden. Ob sie ihres noch hat? Ariana grinst und nimmt ihre Kamera im Videocall ein paar Meter zur Seite. Im Hintergrund: Ein schwebendes TV-Board aus Holz. Ariana gefällt es gut. »Viele sagen, nach einem Jahr landet das Gesellenstück im Keller, weil es einem nicht mehr gefällt. Aber meines hängt jetzt schon länger als ein Jahr da und passt auch gut in die Wohnung«, meint sie. Ab November steht dann eine neue Herausforderung bevor:

Ariana besucht dann die Meisterschule, um in einem weiteren Jahr ihren Meister zu machen. Ein Jahr durchgängig ohne Urlaub, Montag bis Freitag von acht bis 17 Uhr. Das ist nicht ohne – für Ariana war allerdings früh klar, dass sie auch ihren Meister machen möchte. »Damit habe ich später einfach nochmal mehr Möglichkeiten«, meint sie. Wie es in einem Jahr danach weitergeht, weiß die 23-Jährige aktuell noch nicht. Ob es die Selbstständigkeit wird, ein Betrieb oder in Richtung Design? Ariana stehen viele Wege offen.

Messen, Bohren, sägen: In der Schreinerei ist Abwechslung angesagt. Ariana mag das gerne.
Mir war wichtiger, etwas zu machen, was mir Spaß macht
Ariana

Bestattungsfachkraft Fabian

Auch Fabian hat eine Ausbildung im Handwerk hinter sich – in einem erst einmal eher ungewöhnlichen Beruf. Er ist ausgebildete Bestattungsfachkraft. »Ehrlich gesagt war es eher Zufall, dass ich die Ausbildung gemacht habe. Mich hat jemand darauf aufmerksam gemacht und meinte, es passe zu mir und meiner Art mit Menschen umzugehen. Anfangs habe ich gedacht: Großartiges Kompliment«, erzählt der 29-Jährige und lacht, »später hat sich dann herausgestellt: Das passt schon gut!« Davon, was ihn während der Ausbildung erwarten würde, wusste er zunächst wenig. Von den Beerdigungen, bei denen er im Winter bei Minusgraden im Dunklen um sieben Uhr morgens auf dem Friedhof stehen musste. Aber auch von der Abwechslung, die ihn erwarten würde und dem guten Gefühl, Menschen in einer schwierigen Situation zur Seite zu stehen. Drei Jahre lang hat Fabian Theorie im Blockunterricht und Praxis im Alltag gehabt. Und letzteres hatte es in sich: Beratungsgespräche mit Angehörigen, das Überführen von Verstorbenen ins Bestattungsunternehmen und der Auf- und Abbau, aber vor allem auch die Durchführung von Beerdigungen. Eines galt dabei immer: Was ihn am nächsten Tag erwarten würde, wusste er nicht.

Sich jeden Tag mit dem Tod auseinandersetzen: Ein Beruf, der vor allem auch psychische Kraft fordert.

Wenn der 29-Jährige heute auf diese Zeit zurückblickt, ist es vor allem die menschliche Reife und der Umgang mit psychischer Belastung, die er mitgenommen hat. »Da kann es schon sein, dass man am Samstag noch als Trauzeuge seinem besten Freund auf dessen Hochzeit zur Seite steht und Sonntagnachmittags bereits bei Menschen zuhause ist, die gerade einen Menschen in ihrem Leben verloren haben«, erzählt Fabian, »das sind oft große Spannungen, mit denen es erst einmal heißt, umzugehen.« Fabian ist an diesen Spannungen gewachsen. Nach der Ausbildung zum Gesellen hat er die Meisterschule absolviert und diese auch erfolgreich mit dem Meisterbrief abgeschlossen. Heute arbeitet er trotzdem nicht mehr in dem Beruf. Der tägliche Umgang mit dem Tod hat etwas mit ihm gemacht: »Mir hat der kirchliche Aspekt bei der Verarbeitung geholfen. Da gibt es eine Perspektive, dass mit dem Tod nicht endgültig Schluss ist«, berichtet er. Der Weg für ihn war klar: Heute studiert Fabian Theologie.

Dass sein Weg ihn zunächst über eine Ausbildung im Handwerk geführt hat, darüber ist er im Nachhinein trotzdem froh. »Vielen geht es wahrscheinlich ähnlich wie mir. Sie haben keine oder oft eine falsche Vorstellung von Ausbildungsberufen, da die Infos dazu an den Schulen oft kaum vermittelt werden. Dabei bietet eine Ausbildung für manchen die Möglichkeit, seine Stärken und Interessen zu verwirklichen und sich weiterzuentwickeln.«

                  Fabian, Phoebe und Ariana sind nur drei Beispiele. Aber alleine sie zeigen: Eine Ausbildung im Handwerk ist vielseitig. Sie kann ein Start ins Berufsleben sein und bietet Perspektive für junge Menschen und ihre Zukunft.

 

Fotos: iStock/ Dpin/ Motorama/ Turac Novruzova/ Polina Tomtosova; unsplash/ chris-briggs; pixabay/ LN_Photoart; Kolping