Ausgabe 2-2022 : Mai

Warum Gendern einen Unterschied macht

In den letzten Jahren hat das Gendern an Präsenz und Brisanz gewonnen. Und ich glaube, dass die Haltung diesem Thema gegenüber entweder befürwortend oder ablehnend ist.

Selten bin ich Personen begegnet, die keine Meinung dazu haben. Und so ist es auch in unserem Verband. Deshalb ist es wichtig, darüber zu sprechen, im Austausch zu sein, zu diskutieren und Argumente auszutauschen. Das Kolpingwerk hat auf der Bundesversammlung 2021 einen Sensibilisierungsprozess angestoßen, sich mit der Thematik rund ums Gendern aus­ein­anderzusetzen. Das Ziel ist hierbei, möglichst viele Mitglieder mitzunehmen auf den Weg hin zu einer geschlechtergerechten Sprache in unserem generationenübergreifenden Verband. 

In der Kolpingjugend nutzen wir bereits seit ein paar Jahren den Genderstern als Zeichen für Geschlechtergerechtigkeit, für Offenheit und als Zeichen gegen Diskriminierung. Wir zeigen damit allen Mitgliedern, Teilnehmenden und Interessierten, dass sie bei uns willkommen sind.

Das Gendern und das Nutzen von neutralen Begriffen hat Auswirkungen auf unseren Alltag und unser Leben. So werden – auch wenn zum Beispiel mit dem generischen Maskulinum alle gemeint sein sollen – durch das Gendern Frauen sichtbarer, denn wir kreieren automatisch Bilder in unserem Kopf, wenn wir zum Beispiel von „dem Polizisten“ sprechen. Gendern hat auch Auswirkungen auf die Berufswahl. Bezieht sich die Ausschreibung nicht nur auf den männlichen Titel, sondern ist gegendert, fühlen sich auch Frauen und LGBTIQ+ Personen angesprochen. Genauso hat Sprache einen Einfluss darauf, welchen Job wir uns zutrauen. Und das bereits bei Kindern im Grundschulalter. Werden alle Geschlechter genannt, trauen sich zum Beispiel auch hier Personen anderer Identitäten viel eher zu, stereotype „Männerberufe“ zu ergreifen und umgekehrt.

Es ist wichtig, Meinungen zu haben. Aber es ist auch wichtig, offen zu sein für Veränderung, den Blick zu weiten und die Vorteile zu erkennen, die manche Veränderungen mit sich bringen. So hat sich auch meine persönliche Einstellung in den letzten Jahren um 180 Grad gewendet. Wir müssen Vielfalt sichtbar machen. Und Sprache ist dabei ein erster Schritt.


Foto: Marvin Kuhn/unsplash.com

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1 Kommentare

  • H. Gregor
    am 09.06.2022
    Im Kolping-Magazin 2-2022 findet sich ein erfreulicher Artikel über das Gendern als Form einer geschlechtergerechten Sprache von der Kolpingschwester Elisabeth Adolf. Sie meint darin, dass es durchaus wichtig sei, über das Gendern „zu sprechen, im Austausch zu sein, zu diskutieren und Argumente auszutauschen.“ Zur Diskussion oder zum Austausch der Argumente gehören ja zwei Seiten. Die befürwortende Seite stellt die Pro-Seite, die ablehnende Seite stellt die Contra-Seite dar. Kolpingschwester Elisabeth hat sehr schön die Pro-Argumente dargestellt. Obwohl ich mich nicht als Gegner einer geschlechtergerechten Sprache verstehe, möchte ich versuchen, den Pro-Beitrag unserer Kolpingschwester Elisabeth durch einen Contra-Beitrag zu ergänzen, um so zu dem erbetenen Austausch der Argumente beizutragen.
    Zunächst zur Geschichte des Genderns, das Ende der 1960er Jahre mit Schrägstrich (Verkäufer/innen) begann. Doch die Frauenbewegung war damit nicht glücklich, da das Weibliche nur nebensächlich mit gemeint erschien. 1981 erfand der Journalist Christoph Busch das große Binnen“I“ (VerkäuferInnen). Doch 2020 schrieb der Duden dazu, dass ein Großbuchstabe mitten im Wort „vom amtlichen Regelwerk nicht abgedeckt“ sei. Nach 2000 gab es die Variante mit dem Unterstrich (Verkäufer_innen). Mit dieser Neuerung sollte angedeutet werden, dass auch die Menschen inbegriffen sind, die sich weder als Frau noch als Mann definieren. Diese Schreibweise setzte sich nicht durch. Stattdessen kamen aus der Suchmaschine stammend das Gendersternchen. Das Gendern ist also keine gewachsene Sprachform wie unser heute gesprochenes Deutsch, das aus dem Mittelhochdeutschen im Laufe der Zeit sich entwickelt hat, sondern eine erfundene künstliche Sprachform. Ob mit den erwähnten Zeichen alle Geschlechter mitgemeint sind, wissen nur die aktuell damit Vertrauten und ist daher erklärungsbedürftig. Zusätzlich kam noch der Doppelpunkt, der ursprünglich für Sehbehinderte gedacht und als kurze Pause gelesen wird. Bei manchen Rundfunk- und Fernsehsprecherinnen und -sprechern wird diese Kunstsprache auch schon praktiziert, was sich zuweilen recht komisch anhört. Es kursieren auch schon Witze, z.B. Nachdem Lockerungen bei den Coronamaßnahmen erlaubt wurden, begann unsere Café-Inhaberin zu gendern und sagte ihrer Kundschaft beim Hereinkommen: „Ab kommenden Samstag ist unser Café:innen auch geöffnet.“ Menschen aus Nachbarländern amüsieren sich über unsere Bemühungen, die eigene Sprache ändern zu wollen. Zum Beispiel gibt es in der englischen Sprache das Problem nicht, da die weibliche und männliche Form gleich ist. In der deutschen Sprache ist die männliche Form als Teil für das Ganze (pars pro toto) im Gebrauch. Die „Leser“ meinte daher nicht nur männliche, sondern alle lesende Menschen unabhängig vom Geschlecht. Dies hat der Duden nun geändert. Ab sofort sind mit der männlichen Formulierung nur noch männliche Personen gemeint. Das ist ein deutliches Signal für eine geschlechtergerechte Sprache. Ist das aber auch ein Plädoyer für das Gendern? An manchen Hochschulen sollen Examensarbeiten, in denen nicht gegendert wurde, eine Zensur schlechter bewertet worden sein. Frage: Besteht dann für die Studierenden nicht die Gefahr, dass sie sich ganz auf die korrekte Genderform konzentrieren, statt sich mehr um den Inhalt zu kümmern? Es gäbe ja auch die Möglichkeit, im Vorwort der Arbeit zu schreiben, dass im Laufe der Arbeit durchgängig nur die weibliche Form als Pars-pro-toto benutzt werde und alle Geschlechter damit gemeint seien. Ebenso gäbe es die Möglichkeit, sich innerhalb unserer normal gewachsenen Sprache, die tendenziell männlich orientiert war, sich geschlechtergerecht auszudrücken. Unsere deutsche Sprache ist doch reich und stark genug, um das zu können. Beispiel: Statt liebe Freund*innen „liebe Freundinnen und Freunde“, statt verehrte Bäuer*innen „verehrte Bäuerinnen und Bauern“. Die wenigen Zentimeter Papier, die durch das Gendern eingespart werden können, machen keinen Cent Ersparnis aus. Durch das Gendern könnte ich den Eindruck gewinnen, dass die mögliche Ersparnis eine Rolle spielt. Ziel muss doch sein, auch im Denken eine Gleichstellung aller Menschen unabhängig vom Geschlecht zu erreichen. Einen Beitrag dazu zu leisten, ist unsere Umgangssprache fähig. Wir benötigen guten Willen, aber keine Kunstsprache wie das Gendern. Der Genderbewegung gebührt aber das Verdienst, auf die Notwendigkeit einer geschlechtergerechten Ausdrucksweise hingewiesen zu haben.
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